Das Œuvre Oswalds von Wolkenstein gehört zu den berühmtesten und umfangreichsten des Mittelalters – und das nicht nur aufgrund der hohen Zahl der überlieferten Lieder, die sich einer beeindruckenden Vielfalt an Themen und Typen bedienen, sondern auch wegen des Künstlers selbst: Über Oswald sind ungewöhnlich viele, teils auch urkundlich belegte autobiographische Informationen überliefert. Zugleich hat Oswald in seinem umfangreichen Werk eine Künstlerfigur geschaffen, die sich immer wieder selbst inszeniert und damit nicht nur wesentlich zur erfolgreichen Rezeption seiner Lieder beigetragen, sondern auch eine anhaltende wissenschaftliche Debatte über das Verhältnis von historischer Realität und literarischer Fiktion ausgelöst hat.

Anhand einer „Playlist“ unterschiedlicher Lieder aus den Bereichen der Liebeslyrik, der Reimpaarreden sowie der geistlichen, didaktischen und politischen Dichtung werden wir uns im Seminar daher nicht nur mit der Frage auseinandersetzen, wie Oswald traditionelle Schemata und Topoi der deutschsprachigen und europäischen Lyrik aufgreift, variiert und neu kombiniert. Wir werden auch untersuchen, wie er sich selbst als Künstlerfigur inszeniert: Wie erzeugt er den Eindruck authentischer Erlebnisberichterstattung? Welche Rolle spielen die zahlreichen Orts- und Personennennungen – und nicht zuletzt die Nennung seines eigenen Namens? Und wie verhalten sich das Sprecher-Ich und das historisch-biographische Ich des Autors zueinander? Gemeinsam wollen wir Oswalds Spiel mit Realität und Fiktion, Tradition und Innovation sowie Biographie und literarischer Selbstinszenierung erkunden.