Das Seminar widmet sich unterschiedlichen Aspekten von Rembrandts „Handeling“. Dieser Begriff bezeichnet im Niederländischen zunächst eine „Handlung“, kann im kunstliterarischen Kontext aber auch mit „Handhabung“ bzw. „Behandlung“ ins Deutsche übersetzt werden und bedeutet „Pinselführung“ sowie „Manier“. Bereits Rembrandts Zeitgenossen bewunderten die Ausdruckskraft und die affektiven Wirkungen, die der Künstler den unterschiedlichen Farben, Tuschen und Kreiden mit Pinsel, Feder oder Radiernadel zu entlocken wusste. Doch eine Manier, die die performative Dimension künstlerischer Schöpfung ins Bewusstsein rückte und dabei auch die materiellen Bedingungen und handwerklichen Aspekte der Kunst sichtbar machte, erregte auch Kritik. Sie stand einem idealistischen Kunstverständnis entgegen, das die künstlerische Schöpfung mit der Idee gleichsetzte. In der akademischen Kunsttheorie standen Raffaels vollendete Werke, deren Machart nicht zu erkennen war, beispielhaft für dieses Ideal zeichnerischer Klarheit und geistiger Abstraktion. Sie galten als Inbegriff vollkommener Schönheit. Über Jahrhunderte hinweg strukturierte die kontroverse Gegenüberstellung von Rembrandt und Raffael den kunstliterarischen Diskurs. Sie diente der ideologischen Aufladung künstlerischer Verfahren mit ganz unterschiedlichen semantischen Valenzen und prägte Prozesse der Kanonisierung.

Das Seminar nimmt die Kasseler Ausstellung „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ (8.5.-9.8.2026) zum Anlass, um die Wechselwirkungen zwischen kunsttheoretischer Begriffsbildung und künstlerischer Praxis zu untersuchen. Neben dem Fokus auf die künstlerischen Reflexionen der Mitstreiter Rembrandts werden auch die Rembrandtisten des 18. und 19. Jahrhunderts berücksichtigt. Darüber hinaus geht es um die Frage, wie sich charakteristische Eigenheiten einer Manier verändern, wenn sie von einem anderen Künstler übernommen und auf diese Weise zu einer stilistischen Konvention werden.

Ausgewählte Literatur:

Eric Jan Sluijter, Rembrandt’s Rivals. History Painting in Amsterdam 1630-1650, Amsterdam 2015
Herman Roodenburg, The eloquence of the body: perspectives on gesture in the Dutch Republic, Zwolle 2004.
Ernst van de Wetering, Rembrandt: The painter thinking, Amsterdam 2016. 
Ernst van de Wetering, Rembrandt: The painter at work, Berkeley 2009. 
Thijs Weststeijn, The visible world. Samuel van Hoogstraten’s art theory and the legitimation of painting in the Dutch Golden Age, Amsterdam 2008.
Thijs Weststeijn, ‘Between mind and body. Painting the inner movements according to Samuel van Hoogstraten and Franciscus Junius’, in: S.S.
Dickey & H. Roodenburg (Hgg.), The passions in the arts of the early modern Netherlands, Zwolle (Netherlands Yearbook for History of Art 60 [2010]), 263-284.
Nicola Suthor, Rembrandts Rauheit: eine phänomenologische Untersuchung, Paderborn 2014.
Yannis Hadjinicolaou, Denkende Körper - formende Hände: Handeling in Kunst und Kunsttheorie der Rembrandtisten, Berlin 2016.
Rembrandts Strich, Ausst.kat. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett 14. Juni-15. September 2019, hg. v. Stephanie Buck, Jürgen Müller u. Milena Mallach, London 2019.
Dagmar Hirschfelder, Tronie und Porträt in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Berlin 2008.
Simon Schama, Rembrandts Augen, Berlin 2000.
Svetlana Alpers, Rembrandt als Unternehmer. Sein Atelier und der Markt, DuMont Buchverlag, Köln 2003 (amerik. Erstausg. 1988)

https://www.rembrandtdatabase.org/ [dort auch Zugang zu den ersten fünf Bänden des Rembrandt Research Projekts (1969-2011): https://rembrandtdatabase.org/literature/corpus.html]