
Der künstlerische Zugriff auf Kunstsammlungen und Ausstellungsgeschichte
Künstlerische Interventionen in Museen und Sammlungen sind aus dem heutigen Ausstellungsbetrieb nicht mehr wegzudenken. Doch bereits die Avantgarden der 1920er- und 1930er-Jahre nutzten Ausstellungen als öffentliche Plattformen und Mittel künstlerischer Reflexion. Dabei hinterfragten sie die objektivierenden Ansprüche kuratorischer Werturteile und Praktiken, die sich im Zuge der museologischen Debatten dieser Zeit herausbildeten. In eigenen Ausstellungen erkundeten sie die rhetorischen Potenziale kuratorischer Formate sowie des Archivs und der Dokumentation und unterzogen sie einer künstlerischen Kritik. Der wachsenden Bedeutung thematisch ausgerichteter Wechselausstellungen und dem damit verbundenen Anspruch auf kuratorische Autorschaft, die seit dem Ende der 1960er Jahre zunehmend in Konkurrenz zu Sammlungspräsentationen traten, standen viele Künstlerinnen und Künstler ambivalent gegenüber. Seit den 1990er Jahren werden Museen und Sammlungen zudem als globale Akteure, die transnationale Geschäftsmodelle adaptieren, massiv hinterfragt. Was als konfliktreiche Einmischung begann, ist mittlerweile allerdings zu einer Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen und Institutionen geworden. Ausgehend von zentralen historischen Beispielen widmet sich das Seminar der Frage nach dem kritischen Potenzial kuratorischer Interventionen von Künstler:innen in Museen und Sammlungen seit den 1960er Jahren.
Literatur (Auswahl):
- Bismarck, Beatrice von/Schafaff, Jörn/Weski, Thomas (Hg.), Cultures of the curatorial, Berlin: Sternberg Press, 2012.
- Döring, Daniela/John, Jennifer, „Museale Re-Visionen: Ansätze eines reflexiven Museums”, in: Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur, Schwerpunkt: Revisionen des Museums? Praktiken der Sichtbarmachung im Feld des Politischen, hg. v. Daniela Döning/Jennifer John, Nr. 58 (2014), S. 5-27.
- Filipovic, Elena, The apparently marginal activities of Marcel Duchamp, Cambridge/Mass. 2016.
- Filipovic, Elena, The Artist as Curator, Köln 2017.
- Alison Green, When artists curate. Contemporary Art and The Exhibition as Medium, London 2018.
- Heinich, Nathalie/Pollak, Michael, „Du conservateur de musée à l’auteur d’expositions: l’invention d’une position singulière”, in: Sociologie du Travail, Bd. 31.1 (1996), S. 29-49 [engl. übers. als „From museum curator to exhibition auteur: Inventing a singular position”, in: Thinking about Exhibitions, hg. v. Reesa Greenberg, Bruce W. Ferguson, Sandy Nairne, London 1996, 231-250].
- McShine, Kynaston L., The Museum as Muse. Artists Reflect, New York: Museum of Modern Art, 1999.
- Papenbrock, Martin, „Museumsguerilla. Positionen von 1968 bis heute“, in: Anna Greve (Hg): Museum und Politik. Allianzen und Konflikte, Osnabrück 2011, S. 63-75.
- Post, Christiane, Künstlermuseen. Die russische Avantgarde und ihre Museen für Moderne Kunst, Berlin 2012.
- Putnam, James, Art and Artifact: The Museum as Medium, London: Thames & Hudson, 2009.
- Richter, Dorothee (Hg.) (2011): On-Curating, Bd. 12: Reinterpreting Collections.
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Joint Ventures. Der künstlerische Zugriff auf Kunstsammlungen und Ausstellungsgeschichte, hrsg. v. Bärbel Küster, Stefanie Stallschus und Iris Wien, in: 21: Inquiries into Art, History, and the Visual, Bd.3 Nr. 1 (2022)
- Dozent/in: Iris Wien