'Leben wie im Schlaraffenland', 'eine schlaraffische Vorstellung', 'da fliegen einem die Tauben gebraten in den Mund' .... Heutzutage ist die Vorstellung vom Schlaraffenland zur Metapher geronnen. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit hingegen gibt es eine breite Tradition des Erzählens vom Schlaraffenland. Besonders zeichnet diese vielfältigen Texte aus, wie sie von Natur und Kultur erzählen: Alles ist überaus fruchtbar. Dieses Motiv stammt aus der Antike und findet sich auch in anderen Vorstellungskomplexen von einem besseren Leben zu einer anderen Zeit bzw. an einem anderen Ort (z.B. Elysische Gefilde, Inseln der Seligen). Doch zwei Dinge unterscheiden das Schlaraffenland von diesen anderen 'besseren Ländern'. Hier ist alles essbar und wächst unendlich sowie ohne Zutun nach: Von den Semmeln, die an Bäumen wachsen, bis hin zu Wurstzäune und Dachziegeln aus Fladen. Zu dieser ganz besonderen Form von Natur gesellen sich Bestandteile, die eigentlich in den Bereich der Kultur gehören. Denn auch Kleidung wächst an Bäumen und Geld liegt zum Beispiel überall herum. Natur und Kultur verbinden sich auf eine Weise, die wir sonst kaum kennen. 

Das Seminar geht zunächst den Motivtraditionen, aus denen sich das Erzählen vom Schlaraffenland speist, nach. Ausgehend davon sollen anhand einer Auswahl an mittelhochdeutschen und frühneuhochdeutschen Texten folgende Fragen im Zentrum der gemeinsamen Seminararbeit stehen: Wie ist die Natur jeweils genau konzipiert? Wie verhalten sich Natur und Kultur zueinander? Welche Art von Mensch-Umwelt-Beziehung liegt vor? Gibt es Berührungspunkte oder markante historische Unterschiede zu modernen Vorstellungen eines Anthropozäns? Wie wirkt sich die Natur auf die Sozialgemeinschaft des Schlaraffenlands aus? 


Lehrschwerpunkt "Nature Writing von der Antike bis zur Gegenwart"
Das Seminar gehört zum germanistischen Lehrschwerpunkt "Nature Writing von der Antike bis zur Gegenwart". 

Er besteht darüber hinaus aus den folgenden Lehrveranstaltungen:

–Velten: Natur in mittelalterlicher Dichtung

–Döring: LiterarischesNature Writingvon Thoreaus "Walden" bis Esther Kinsky „Hain“

–Knorr: Ökologie im populären westdeutschen Taschenbuch seit 1970


Wer literarhistorische Kenntnisse und theoretisch-methodische Kompetenzen in diesem Themengebiet vertiefen möchte, kann eines oder mehrere Seminare des Lehrschwerpunkts besuchen. 

Das Querschnittsthema Nature Writing ist für unser aller Lebenswelt von hoher Relevanz und verbindet fachliche mit weltanschaulichen Interessen. Gerade weil die Diskussion um die planetare menschengemachte Klimakrise durch die multiplen geopolitischen Krisen derzeit in diskursive Vergessenheit zu geraten scheint, möchten wir zeigen, dass quer durch die Literaturgeschichte das Mensch-Natur-Verhältnis, die Beziehungen eines erlebenden Ich zu seiner natürlichen Umwelt, Fragen von Schöpfung bis Naturzerstörung und -bewahrung sowohl in fiktionalen wie nicht-fiktionalen Texten/Filmen/Bildern virulent gewesen sind.