Die italienische Mikrogeschichte als Methode der Historiographie hat unseren Blick auf das Kleinteilige, Schwache, Alltägliche, oft Nebensächliche gelenkt und damit auf die „Welt der Mutter“ (Carlo Ginzburg). Es ging darum, die unterschiedlichen Stimmen in der Geschichte wahrzunehen und zu einer tieferen kulturellen Schicht, einem „Chor von verwirrenden Stimmen“ (S. Krakauer) vorzudringen. Dabei haben literarische Einflüsse eine große Rolle gespielt: Tolstoj, Stendhal, Proust, Virginia Woolf, Queneau, Primo Lévi, Natalia Ginzburg u.a. Denn in der Mikrogeschichte wird Wirklichkeit erzählbar und insofern überschneidet sie sich mit der dargestellten Wirklichkeit in der Literatur, der Mimesis. Was eröffnet also die Literatur für eine solche Methode der „critical fabulation“ (Saidi Hartman)?