Close Reading ist einerseits die Basisoperation des
wissenschaftlichen Lesens und Textverstehens. Wer, der einen Text
verstehen will, würde schon von sich sagen, dass er ihn "aus der Ferne",
nur "oberflächlich", "in Auszügen" und "nicht von vorne" läse? Und
dennoch tun wir genau dies in aller Regel gar nicht so selten, auch in
der Wissenschaft. Wonach entscheiden wir also, welchen Text wir
besonders genau, einläßlich, "nah" lesen? Andererseits ist close reading
auch der lose Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Theorien und
Methoden, die das möglichst genaue Lesen, das vollständige Lesen und das
Lesen von vorne - in Konkurrenz zu anderen Praxen der Lektüre -
besonders propagieren und begründen. Weil wir - in Wissenschaft und
Schule - das close reading viel eher praktizieren als darüber
zu reflektieren (besonders auch im Kontext von Schule sind solche
Praktiken ausgesprochen gefragt), wollen wir in dieser Lehrveranstaltung
einmal ausdrücklich auch die Methoden des close reading und
ihre theoretischen Basistexte selber einer möglichst genauen,
gemeinsamen Lektüre unterziehen. Besonderes Augenmerk werden wir auf die
Methodenschule der Objektiven Hermeneutik richten, die an unserer
Universität auch in der Erziehungswissenschaft und den
Sozialwissenschaften gelehrt wird. Wenn sich unser gemeinsamer
Arbeitszusammenhang bewährt, dann würden wir am Ende des Semesters auch
einen kleinen workshop gemeinsam mit Vertretern des close reading aus diesen Fächern veranstalten.
- Dozent/in: Jörg Döring
- Dozent/in: Antonia Sehmsdorf