Close Reading ist einerseits die Basisoperation des wissenschaftlichen Lesens und Textverstehens. Wer, der einen Text verstehen will, würde schon von sich sagen, dass er ihn "aus der Ferne", nur "oberflächlich", "in Auszügen" und "nicht von vorne" läse? Und dennoch tun wir genau dies in aller Regel gar nicht so selten, auch in der Wissenschaft. Wonach entscheiden wir also, welchen Text wir besonders genau, einläßlich, "nah" lesen? Andererseits ist close reading auch der lose Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Theorien und Methoden, die das möglichst genaue Lesen, das vollständige Lesen und das Lesen von vorne - in Konkurrenz zu anderen Praxen der Lektüre - besonders propagieren und begründen. Weil wir - in Wissenschaft und Schule - das close reading viel eher praktizieren als darüber zu reflektieren (besonders auch im Kontext von Schule sind solche Praktiken ausgesprochen gefragt), wollen wir in dieser Lehrveranstaltung einmal ausdrücklich auch die Methoden des close reading und ihre theoretischen Basistexte selber einer möglichst genauen, gemeinsamen Lektüre unterziehen. Besonderes Augenmerk werden wir auf die Methodenschule der Objektiven Hermeneutik richten, die an unserer Universität auch in der Erziehungswissenschaft und den Sozialwissenschaften gelehrt wird. Wenn sich unser gemeinsamer Arbeitszusammenhang bewährt, dann würden wir am Ende des Semesters auch einen kleinen workshop gemeinsam mit Vertretern des close reading aus diesen Fächern veranstalten.