In einem berühmten Aufsatz von 1967 hat der Philosoph Michel Foucault den einflussreichen Begriff der Heterotopien in die Kultur- und Medienwissenschaft eingeführt. Heterotopien sind demnach „Nicht-Orte“, d.h. besondere Orte, an denen sich unterschiedliche Räume verdichten oder begegnen, an denen Illusion und Realität aufeinander treffen.

Im selben Aufsatz spricht Foucault aber zugleich von Heterochronien: „Die Heterotopien sind häufig an Zeitschnitte gebunden, d.h. an etwas, was man symmetrischerweise Heterochronien nennen könnte.“ Heterochronien bezeichnen Schnittpunkte der Zeit, Kollisionen von Gegenwart und Vergangenheit, paradoxe Zeitformen also, auf die wir gerade in der gegenwärtigen Mediengesellschaft ständig treffen. Im Seminar werden wir den Begriff medientheoretisch einkreisen und mit prominenten Modellen der Gedächtnisforschung abgleichen. Geht es der Gedächtnisforschung doch ebenfalls um die Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit – sei es in unserem Gehirn, sei es in Speichermedien.

Besonders das Kino der Moderne und Nachmoderne, das auch den Schwerpunkt des Seminars bildet, ist ein Kino der Heterochronien. Es löst die Rückblende des classical cinema, wo die Zeiten noch klar voneinander getrennt waren (z.B. in Casablanca), zugunsten mehrdeutiger Zeit-Bilder auf. So in Filmen wie Alain Resnais’ Letztes Jahr in Marienbad (1960), Stephen Daldrys The Hours (2002) und Derek Cianfrances Blue Valentine (2010).