Die literarische und philosophische Strömung des Modernismo beginnt in Lateinamerika im Jahre 1888, dem Erscheinungsjahr der Gedichtsammlung Azul von Rubén Darío. Der Modernismo ist prägend für das lateinamerikanische Selbstverständnis und spielt eine bedeutende Rolle im Identitätsbildungsprozess vieler lateinamerikanischer Länder.Er ist die erste eigenständige literarische Bewegung Lateinamerikas und wirkt sich entscheidend auf die Beziehung zwischen Lateinamerika und Spanien aus, da lateinamerikanische Autoren wie Darío oder Martí den kulturellen Führungsanspruch Spaniens in Frage zu stellen beginnen. Im Zentrum der Strömung steht die Intention, einen authentischen lateinamerikanischen sprachlichen Stil zu schaffen, der neben der Prosa vor allem die Lyrik umfasst.Die Modernisten lehnen sich gegen literarische Konventionen auf und distanzieren sich in Thematik, Stil und Inhalt deutlich von der spanischen Literaturtradition. Der Modernismo orientiert sich an Paradigmen des europäischen Fin de siècle (Symbolismus, Impressionismus, Parnasse, Décadence, L’artpourl’art).Erstellt das erste Beispiel eines transatlantischen Einflusses dar, der von Lateinamerika ausgeht und sich auf Spanien richtet. Bedeutende spanische Schriftsteller wie Ramón María del Valle-Inclán oder die Brüder Manuel und Antonio Machado wurden vom lateinamerikanischen Modernismo beeinflusst. Die modernistische Literatur zeichnet sich u.a. durch märchenhafte, exotische und phantastische Elemente sowie einen Rückgriff auf die griechisch-römische und in geringerem Maße die germanische Mythologie aus.

Im Seminar wird zunächst ein literarischer und kulturhistorischer Überblick über den Modernismo in Lateinamerika gegeben und auf formale und ästhetische Innovationen in der modernistischen Literatur eingegangen. Anschließend wird die Adaption mythischer Stoffe in der Literatur des lateinamerikanischen Modernismo einen thematischen Schwerpunkt des Seminars darstellen. In diesem Zusammenhang werden zunächst grundlegende Termini wie„Mythos“, „Stoff“ und „Motiv“ definiert und erläutert. Auf dieser Basis werden Gedichte, Kurzgeschichten und Dramen lateinamerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller des Modernismo analysiert. Die theoretische Basis hierzu bilden moderne Theorien zur Mythopoetik, u.a. von Blumenberg, Vöhler und Barner, anhand derer die Prinzipien der Mythenvariation, -korrektur und -kritik aufgezeigt werden. Auf dieser Grundlage werden die inhaltlichen und strukturellen Modifikationen der in den zu analysierenden Texten enthaltenen mythischen Stoffe aus vergleichender Perspektive herausgearbeitet. Zudem wird im Seminar auf die feministische Mythenkritik eingegangen, vor deren Hintergrund einige der zugrundegelegten Werke genderspezifisch interpretiert werden.

Das Seminar bietet die Gelegenheit die im Grundkurs erworbenen Kenntnisse bezüglich Lyrik-, Dramen- und Prosaanalyse anzuwenden und zu vertiefen.