Die Frage „Darf man alles denken?“ prägt die öffentliche, politische und kulturelle Debatte heute maßgeblich. An sich umfasst die Gewissensfreiheit nicht die uneingeschränkte Handlungs- und Meinungsfreiheit: Denkfreiheit kann gewährleistet sein und dennoch können verschiedene (soziale und rechtliche) Normen die Äußerung und Verwirklichung der eigenen Gedanken einschränken. In diesem Seminar wird die Frage nach der Richtigkeit solcher Einschränkungen nicht behandelt. Vielmehr werden wir untersuchen, wie die Gewissensfreiheit in der Moderne, jener Zeit, in der die philosophische Auseinandersetzung mit der Toleranz aufkam, konzipiert wurde. Freiheit und Toleranz sind historisch komplexe Konzepte. Insbesondere der Begriff der Toleranz wurde lange Zeit auch in seinen negativen Implikationen untersucht. Ein Beispiel hierfür ist die ihm innewohnende Unausgewogenheit: Die Tatsache, dass jemand bestimmte Meinungen tolerieren kann, impliziert ein höheres Maß an Autorität und Macht. In diesem Seminar werden wir verschiedene Perspektiven auf das Verhältnis zwischen der Freiheit des Philosophierens („libertas philosophandi“) und der Toleranz aus historisch-philosophischer Sicht beleuchten. Indem wir Autoren unterschiedlicher Herkunft untersuchen – von Nikolaus von Kues bis Giordano Bruno, von Hobbes bis Voltaire – werden wir die komplexe Beziehung zwischen Gedankenfreiheit, Philosophie, Meinungsäußerung und politischer Praxis beleuchten.