Es geht in diesem Seminar um Corona, natürlich nicht aus epidemiologischer, sondern politikwissenschaftlicher Perspektive (wobei man von der Epidemiologie schon ein bisschen verstehen musss, um auch die Politik zu verstehen – beziehungsweise sie gerade nicht zu verstehen). Einerseits handelt es sich wohl um die bislang am intensivsten untersuchte Seuche der Menschheitsgeschichte, weil sofort eine sehr hohe Zahl von Veröffentlichungen sich dem Thema aus allen möglichen disziplinären Perspektiven gewidmet hat und weiterhin widmet. Auch die öffentlich zugängliche Datenlage ist einzigartig. Andererseits – Sie werden das wissen – ist eine gesellschaftliche Auseinandersetzung oder ‚Aufarbeitung‘ der Corona-Zeit bis heute nicht wirklich erfolgt. Diese seltsame Diskrepanz kann uns als Ausgangspunkt dienen.

Man kann die Coronapolitik zu einem klassischen Anwendungsfall der Vergleichenden Politikwissenschaft machen. Einige der dann interessierenden Fragen lauten: sehen wir Unterschiede zwischen politischen Regimen in der Bekämpfung der Krise – und da es relativ offensichtlich ist, dass wir das tun: welche und warum? Die üblichen Variablen (Präsidentialismus vs. Parlamentarismus, Demokratie vs. Autokratie, unitarisch vs. föderal, unterschiedliche Wohlfahrtsstaatsregime usw. usf.) könnten in Anschlag gebracht werden.

Darüber hinaus gibt es aber auch generellere Fragestellungen: Wie ist es in der Pandemie der Demokratie ergangen (etwa, was bedeutete Covid-19 für die Durchführung von Wahlen (Briefwahl und Wahlbeteiligung?), und wie ist es dem Populismus ergangen – insbesondere warum haben sich die Positionen zur Coronapolitik nach links und rechts sortiert? Gibt es einen Effekt auf die Parteiensysteme – oder sehen wir das, was wir häufig in Krisen sehen: egal wer gerade an der Regierung ist, ob links oder rechts, wird abgestraft? Oder sehen wir stattdessen einen ‚rallying behind the flag‘-Effekt: überall scharen sich die Bevölkerungen (zunächst) hinter ihren Regierungen? Was war die Rolle von wissenschaftlicher Expertise in der Pandemie (Stichwort ‚Szientismus‘)?

Leistungsvoraussetzungen: beständige, aktive Teilnahme. Prüfungsleistung: Kurzpräsentation im Seminar zu einem Land und/oder Thema; schriftliche Ausarbeitung 5 bis 8 Seiten; Studienleistung: Kurzpräsentation im Seminar zu einem Land und/oder Thema (also, zum Beispiel: Föderalismus und Covid in Brasilien/USA/D) plus Hausarbeit – Thema nach Absprache (Umfang zwischen 12 und 20 Seiten, je nachdem was man braucht, um ein Argument zu machen).